Es war eine Tragödie des großen russischen Dichters Alexander Puschkin, die Modest Mussorgsky als Vorlage für sein Historiendrama Boris Godunow diente. Es sollte die berühmteste Oper Mussorgskys werden. Eine Verwandtschaft zu den Shakespear’schen Königsdramen ist nicht zu leugnen. Boris Godunow wird auch als der „russische Macbeth“ bezeichnet.
Erzählt wird die Geschichte eines Mordes, dessen wahre Hintergründe nie vollständig aufgeklärt werden konnten. Es ist die Geschichte Boris Godunows, der 1598 den russischen Zaren-Thron besteigt. Ihm wird der Mord am rechtmäßigen Thronfolger Dimitri nachgesagt. Nach Jahren der glücklosen Herrschaft Godunows gelingt es dem entlaufenen Mönch Grigori Otrepjew in die Rolle des Zarewitsch zu schlüpfen und als „falscher Dimitri“ das Volk zu beeinflussen. Einen Umsturz erlebt Godunow nicht mehr. Von Zweifel und Wahn geplagt stirbt er.
Als musikalischer Dilettant ist Mussorgsky eine Besonderheit unter den russischen Romantikern. Skeptiker wie Enthusiasten attestierten ihm eine große Genialität: die einen trotz, die anderen gerade wegen seines Dilettantismus', der ihm den Weg zu sehr persönlichen musikalischen Lösungen wies. Die Abkopplung vom der gängigen Lehre lies ihm die Freiheit, für Momente bereits in harmonische Welten vorzudringen, in der später Werke wie die Strauss'sche Elektra entstehen sollten. Insbesondere dem Wahnsinn Godunows verlieh er mit harmonischer Kühnheit starken Ausdruck. Mussorgsky verstand es die Psyche seiner Figuren in der Musik auszuloten, ohne dabei ins Plakative oder Illustrative abzugleiten.
Gleichzeitig macht Mussorgsky in dieser „Tragödie des schlechten Gewissens“ das geknechtete und unmündige russische Volk zu einem wesentlichen Protagonisten und zum Gegenspieler der Zarenfigur Godunow. Nicht zufällig hat er seine Oper selbst als „Musikalisches Volksdrama“ bezeichnet. Die Musik Mussorskys weist eine enge Verwandtschaft zur russischen Kirchen- und Volksmusik auf. Der typisch russische Klang der Musik beruht unter anderem auch auf der Verarbeitung originaler Volksliedmelodien.